Monatsspruch September 2021

 

Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt´s in einen löchrigen Beutel (Haggai 1:6).

 

Dieser Text versetzt uns in die Zeit, als ein Teil des Volkes Israel nach der babylonischen Gefangenschaft wieder in der alten Heimat angekommen ist und der Wiederaufbau des Landes und seiner zerstörten Strukturen beginnt. Die Ruinen der Stadt Jerusalem sind überall sichtbar und erinnern an die grausame Zerstörung, die vor 70 Jahren das Land in Schutt und Asche legte.

Szenen, die uns an das zerbombte Deutschland nach 1945 erinnern. Jeder ist darauf bedacht, wieder ein Dach über dem Kopf zu haben und ein Haus oder eine Wohnung sein Eigen zu nennen. In Judäa und Jerusalem war es damals nicht anders. Wohnraum musste geschaffen werden, die Landwirtschaft musste wieder in Gang kommen. Darauf wollten und sollten sich die Menschen konzentrieren, um wieder ein einigermaßen erträgliches Leben führen zu können. Doch da kommt in dieser Phase des Wiederaufbaus ein Prophet daher und verkündet eine eigenartige und scheinbar unzeitgemäße Botschaft, die ihre Empfänger verunsichert und mit Unverständnis aufgenommen wird.  

Der Prophet Haggai hat im Auftrag Gottes eine Situationsanalyse gemacht und konstatiert, dass die Menschen sich zwar in jeder Hinsicht anstrengen und bemühen, aber trotzdem keinen Erfolg haben. Und er lässt es nicht dabei bewenden, sondern erklärt den überraschten Bürgern, woher ihre Misserfolge rühren.

Die Heimkehrer vernachlässigen einen entscheidenden Aspekt, der für das Volk Gottes das A und O ist: Das Haus Gottes, der zerstörte Tempel, liegt immer noch in Trümmern. Der Tempel, der die Gegenwart des Gottes Israels sichtbar und symbolträchtig illustriert, bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die Gott erwartet. Nicht, dass Gottes Gegenwart einzig an diesem sakralen Bau hängt. Aber damit verbunden sind die gottesdienstlichen Feiern, die Feste, die Opfer und all das, was der Tempel für diese theokratische Gesellschaft bedeutet. Und wenn nun der Tempel noch in Trümmern liegt, während alle Welt sich nur um das eigene Wohlergehen kümmert, entspricht das nicht dem Wesen der israelitischen Gesellschaft und ihrer Bestimmung.

Es ist, als ob der Prophet Haggai hier schon die Worte von Jesus vorwegnimmt: „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen“ (Matth 6:33). Das alles, das heißt das Errichten der Häuser und Wohnungen, die Bestellung der Äcker und Weinberge, das Beschaffen des täglichen Brotes. „Ihr seht ja selbst, dass ohne die Hinwendung zu eurem Gott, der euch aus der langen Gefangenschaft wieder in eure Heimat zurückführte, auf eurem Tun nicht sein Segen ruht“, so hört man ihn sagen. Und dann folgen die Worte unseres Monatspruchs.

Die Botschaft von Haggai fand offene Ohren bei den beiden Hauptverantwortlichen in dieser ersten Etappe der Rückkehr in die Heimat, Serubbabel, Statthalter der Provinz Judäa, und Jeschua, Sohn des Hohenpriesters. Es heißt dann im Prophetenbuch, dass der Herr nicht nur den „Geist dieser Männer erweckte“, sondern auch „den Geist aller übrigen vom Volk, dass sie kamen und arbeiteten am Hause des HERRN Zebaoth, ihres Gottes.“

Der „geistlichen Erweckung“ ging die Botschaft des Propheten voran, der den Menschen in dieser Situation des Wiederaufbaus sagen durfte: „Ich bin mit euch, spricht der HERR“.

Später, in einer zweiten Botschaft des Propheten lesen wir: „Sei getrost, Serubbabel, sei getrost, Jeschua, sei getrost, alles Volk im Lande, spricht der HERR, und arbeitet! Denn ich bin mit euch, spricht der HERR Zebaoth.“

Ich entdecke in diesen Worten bereits den Vorgeschmack der tröstlichen Worte des Apostels Paulus an die neutestamentliche Gemeinde: „Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn“ (1Kor 15:58).

Unser Monatsspruch ist eine persönliche Anfrage und Herausforderung an jeden von uns. Wo liegen unsere Prioritäten? Was ist uns wichtiger – alles, was unserem eigenen Wohlergehen dient, oder bedenken wir auch in unserem Tun und Lassen die Anliegen des Reiches Gottes, der Gemeinde und der Mission?

Möge das Prophetenwort des Haggai uns bewegen und neu geistlich fit machen. Denn auch wir stehen unter der Verheißung und dem Segen unseres Herrn, der uns verspricht: „Ich bin mit euch“.

 

Es grüßt herzlich

Pastor i.R. Herbert Poganatz

Monatsspruch Juni 2021

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apostelgeschichte 5:29)

 

Unserem Monatsspruch geht ein religiöses Gerichtsverfahren voraus, das an Aktualität kaum zu überbieten ist. Die Glaubensautoritäten in Jerusalem verbieten den Aposteln, im Namen des auferstandenen Herrn Jesus Christus zu predigen und zu lehren. Diese lassen sich jedoch nicht den Mund verbieten und antworten mutig und ohne Scheu vor den möglichen Konsequenzen, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Theologen des Volkes Israel.

Der Text ist hochaktuell, weil er die Frage aufwirft, was man heute in der Kirche und in der Gesellschaft noch frei und offen sagen darf. Dabei geht es nicht um persönliche Meinungen, sondern um Aussagen, die dem Wort Gottes entnommen sind und keineswegs aus dem Zusammenhang gerissen oder eigenwillig interpretiert werden.

Was geschieht, wenn mutige und bekennende Christen eindeutige biblische Aussagen ernst nehmen und sie im persönlichen Umfeld oder auch öffentlich vertreten? Sie müssen mit Ablehnung, Spott und schlimmstenfalls Anzeigen rechnen – und das in einem Land, das die Meinungs- und Religionsfreiheit gesetzlich garantiert. Ganz zu schweigen von den Ländern, in denen allein die Tatsache, sich als Christ zum Evangelium zu bekennen genügt, um unter Druck oder sogar Todesangst zu geraten. Wer die Medien, auch die säkularen, aufmerksam beobachtet, wird immer wieder auf Berichte stoßen, die das bestätigen.

Der sog. Mainstream in unserer Gesellschaft ist mehr und mehr geprägt von Ansichten, die in etlichen Fällen den Geboten Gottes und ihren Aussagen widersprechen. Wer da mutig gegen den Strom schwimmt, hat nichts zu lachen.

Die jüngere deutsche Geschichte ist voll von Beispielen mutiger Menschen, die z.B. die Gefahr des mörderischen Nationalsozialismus erkannten und sich dagegenstellten. Vor kurzem wurden wir an die Geschwister Scholl erinnert, deren Mut beispielhaft war. Dabei spielt die Frage, ob ihr Handeln aus Gehorsam gegenüber Gott oder eher humanistischen Beweggründen entsprang, keine Rolle.

Dass D. Bonhoeffer oder die Verfasser der Barmer Erklärung von 1934 eindeutig den Gehorsam gegenüber Gott vor Augen hatten, lässt sich jedoch nicht bestreiten.

Aber zurück zu unserer gegenwärtigen Realität. Es gibt viele bemerkenswerte Beispiele von „Zivilcourage“. In einigen Fällen ist die Verbindung zu unserem Monatsspruch erkennbar, in anderen nicht. Oft ist es auch nicht möglich, die genaue Motivation der Mutigen zu definieren.

Für einen Nachfolger Jesu sieht es da ein wenig anders aus. Die Apostel waren überzeugt von dem, was sie gesehen und gehört hatten, so dass ihre Antwort auf das Redeverbot eindeutig war: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Ihnen ging es hauptsächlich um das Bekenntnis zu Jesus, dem Auferstandenen. Wenig zuvor hatten Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat in Jerusalem bekannt: „Wir können es ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4:20).

Ja, wenn das so einfach wäre! Uns fällt es oft leichter, zu lassen als zu reden

Was hat den ersten christlichen Zeugen des Evangeliums die Kraft und den Mut verliehen, so aufzutreten? Die Antwort liegt in dem Ergriffensein von der Wirklichkeit ihres Herrn Jesus Christus, die seit Pfingsten durch den Heiligen Geist die Gemeinde erfasst hat und ihr hilft, das Wort Gottes in der damaligen Welt zu verbreiten, trotz der sich entfesselnden Verfolgung in Jerusalem und den umliegenden Ländern.

Voller Sehnsucht nach diesem Mut der ersten Christen klingt das Lied, in dem es heißt: „Wach auf, du Geist der ersten Zeugen…“ (Bogatzky 1750/Knapp 1837). Es lohnt sich, dieses alte Missionslied im Gesangbuch zu suchen und erneut zu verinnerlichen. Den Mut zum Zeugendienst gibt der Herr durch seinen Heiligen Geist, um den wir ihn bitten dürfen.

Jedoch sind es oft die kleinen, aber entscheidenden Dinge im Alltag, an denen wir den Gehorsam gegenüber Gott praktizieren können. Wem gehört meine Zeit? Welchen Stellenwert hat die Lektüre der Bibel in meinem Leben? Wieviel Raum gebe ich dem Gespräch mit Gott im Gebet in meinem Alltag? Und wie sieht es ganz praktisch aus, wenn es um die Gebote Gottes geht? Paulus und die anderen Apostel haben in ihren Briefen an die neuen Gemeinden der christlichen Ethik viel Aufmerksamkeit gewidmet. Die junge Christenheit sollte wissen, was der Wille Gottes in der Nachfolge Jesu konkret und praktisch bedeutet, wie man ihn ausführt und lebt. Gott mehr gehorchen als den Menschen bedeutete oft eine Abkehr von der alten Lebensweise und Denkmustern, die aus der heidnischen Philosophie und Ethik stammten. Dabei scheuten die Apostel weder Zeit noch Mühe und redeten „Klartext“, um den Christen die Maßstäbe des Handelns nach Gottes Willen zu bezeugen.

In den letzten Wochen lasen wir in der täglichen Bibellese Teile aus dem Buch der Sprüche. Welch ein Schatz von Weisheit und Erkenntnis ist dort zu entdecken! Das gesamte Buch steht unter dem Motto: „Gottesfurcht ist der Anfang aller Erkenntnis“ (Sprüche 1:7). Ich liebe auch die Worte, die Martin Luther im Kleinen Katechismus den Erklärungen der 10 Gebote voranstellt: „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“ Dann gibt er konkrete Anweisungen, was es heißt, den Geboten d.h. Gott gehorsam zu sein. Es ist lohnend, das alles noch einmal auf sich wirken zu lassen. Daraus ergeben sich viele neue oder auch alte Perspektiven, die unmittelbar mit unserem Monatsspruch zu tun haben: Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Es grüßt herzlich

Pastor i.R. Herbert Poganatz

Monatsspruch April 2021

Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung (Kolosser 1:15)

 

Seit Beginn des Christentums hat die Kirche ein besonderes Interesse daran gehabt, die Person unseres Herrn Jesus Christus biblisch-theologisch korrekt darzustellen. Damit sollte den früh entstehenden Irrlehren begegnet werden. Ein wirksames Mittel dazu waren die Glaubensbekenntnisse, die sog. Credos.

Es beginnt mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis und findet Fortsetzung in weiteren frühkirchlichen Credos, die die biblischen Aussagen über Gott und z.B. die Dreifaltigkeit bekenntnismäßig erfassen. Ein besonders wichtiges Glaubensbekenntnis aus dem Jahre 381 ist das sog. Nizänum, in dem die Kirchenväter in sehr anspruchsvoller Weise definiert haben, wer Jesus Christus ist, denn mit seiner Person steht und fällt unser Glaube:

(Wir glauben)“an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, der aus dem Vater geboren ist vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn sind alle Dinge geschaffen“.

Diese Definition lässt sich sehr gut auf unseren Monatsspruch anwenden. Dabei werde ich an das schöne Lied erinnert: „Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschöpften Lichte, führ uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte...“ Hat nicht Jesus von sich gesagt: Ich bin das Licht der Welt?

Ja, die Frage ist nach wie vor aktuell: Wer ist und wer war Jesus Christus? Dietrich Bonhoeffer z.B. hat diesem Thema viel Aufmerksamkeit gewidmet, weil er der Überzeugung war, dass mit der Person Jesu die Botschaft des Evangeliums steht oder fällt. Biblisch-theologisch begründete Antworten darauf fand er in den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen, u.a. im Nizänum.

Was der Apostel Paulus in unserem Monatsspruch bekennt, entspricht dem, was Jesus selber von sich gesagt hat: „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Joh 14:9), und „ehe Abraham war, bin ich“ (Joh 8:58).

Jesus von Nazareth ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, er ist Gottes menschliches Gesicht auf Erden. Wer wissen möchte, wer und wie Gott ist, der entdeckt in den Evangelien das Wesen und die Eigenschaften Gottes in der Person von Jesus. Gott ist wie Jesus ist! Der Apostel Paulus fasst das Wesen Gottes in seinem Brief an Titus in sehr schöner Weise in die Worte: „In Jesus ist erschienen die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes“ (Titus 3:4).  „Menschenliebe“ Gottes ist die deutsche Übertragung des griechischen Wortes „Philanthropie“. Damit wir Menschen diese Freundlichkeit Gottes sehen und erfahren können, kam Jesus zu uns. Er ist der größte Philanthrop der Weltgeschichte, vor dem alle Religionsgründer und großen Wohltäter klein erscheinen müssen. Denn seine Liebe zu uns Menschen brachte ihn dazu, sich für uns und unsere Sünden am Kreuz zu opfern. Ohne dieses Opfer am Kreuz gäbe es keine Vergebung, keine lebendige Hoffnung, keine Zukunft in Herrlichkeit. Die Apostel werden nicht müde, das in ihren Briefen an die Gemeinden in vielfältiger Weise zu bezeugen. So auch Paulus in unserem Monatsspruch.

Jesus Christus ist Gott, gleichzeitig der direkte Zugang zu Gott als Mittler zwischen Gott und den Menschen. Im zweiten Kapitel des Kolosserbriefes bekennt Paulus, dass „in ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt“ (2:9).

Und zu diesem wunderbaren Herrn haben wir durch den Glauben Zugang! Ungehindert, allezeit, voller Vertrauen und Gewissheit!

Die Apostel haben die Gemeinde aller Zeiten immer wieder dazu ermutigt, diesen starken und großen Gott zu suchen und bei ihm Hilfe und Trost zu finden. Der unbekannte Schreiber des Hebräerbriefes ermutigt uns:

„Lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben“ (Hebr 4:16).

Unsere Gebete zu Jesus finden offene Ohren bei ihm, der wahrer Mensch und wahrer Gott ist, bei ihm, der Verständnis für unsere Schwachheit hat und uns in allen Lebenssituationen liebevoll begleiten möchte.

Jesus Christus ist keine vorübergehende Zeiterscheinung. Er war schon immer da, das drückt der zweite Teil des Monatsspruches aus – vor aller Schöpfung, am Anfang aller Dinge. Er ist der Ewige und Beständige. In ihm hat unser Leben festen Bestand, obwohl es durch Nöte, Durststrecken und Bedrängnisse geht. Lasst uns daran im Glauben festhalten und unsere Blicke erneut auf den Anfänger und Vollender unseres Glaubens richten!

 

Es grüßt herzlich

Pastor i.R. Herbert Poganatz

Monatsspruch März 2021

Jesus antwortete: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien (Lukas 19:40).

 

Im Kirchenjahr nimmt die Passionszeit eine ähnlich wichtige Stellung ein wie die Weihnachtszeit, an die wir uns noch gerne erinnern. Am 7. Februar feiern wir den Sonntag Sexagesimae, dann folgen die anderen bekannten Sonntage vor dem Osterfest. Unser Monatsspruch gehört zu dem Sonntag unmittelbar vor der Karwoche: Palmsonntag.

Lukas berichtet, wie Jesus auf einem Esel in Jerusalem einreitet, wie die Jünger und andere ihre Mäntel auf dem Weg ausbreiten und Gott mit lauter Stimme loben: „Gesegnet sei er, der König, der im Namen des Herrn kommt! Frieden bei dem, der im Himmel ist, Ehre dem, der droben in der Höhe wohnt“ (NGUE).

Das erregt Widerspruch bei einigen Pharisäern, die mit dabei sind, und sie drängen Jesus, solches Lob seinen Jüngern und Nachfolgern zu verbieten. Darauf gibt Jesus die Antwort, die in unserem Monatsspruch zum Ausdruck kommt.

Was irritiert denn die Pharisäer, die Gesetzeslehrer so sehr, dass sie ein sofortiges Redeverbot fordern?

Die Antwort fällt nicht schwer: Dieser Mann auf dem Esel soll der verheißene König Israels sein, der auch noch mit Gott im Himmel in Verbindung gebracht wird. Was erlauben sich die Nachfolger dieses Mannes aus Nazareth, dass sie so unverblümt ihren Meister Jesus mit dem von den Propheten angekündigten Messias identifizieren?

Die Pharisäer kennen ja sehr gut die Stelle im Alten Testament, die den triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem als die prophetische Erfüllung von Sacharja 9:9 deutet.

Die Antwort Jesu auf die Einwände seiner Gegner mutet zunächst unverständlich an, wird jedoch im Laufe der weiteren Geschichte überdeutlich klar. Die Verwerfung des Messias durch sein eigenes Volk, das Nichtbeachten und Verweigern seiner göttlichen Sendung hat schlimme Konsequenzen, die Jesus voraussieht. Es kommt so, wie er es wiederholt angekündigt hat – kein Stein des Tempels bleibt aufeinander, als die römischen Besatzer im Jahre 70 n.Chr. die Zerstörung Jerusalems und des Tempels in Angriff nehmen. Die Steine der zerstörten Stadt „schreien“ ihre Botschaft gen Himmel, so wie es Jesus gesagt hat.

Die Urgemeinde, die Jesus von Nazareth als den verheißenen Messias ehrt, hat nicht geschwiegen. In Jerusalem nimmt sie ihren Anfang, wie die Apostelgeschichte berichtet. Der Tempel ist zunächst Dreh- und Angelpunkt der Gemeinde, dann geht es in den Häusern der Christen weiter. Petrus und die ersten Zeugen des Evangeliums werden nicht müde, Jesus als den angekündigten Messias des Volkes Israel zu bezeugen. Die christliche Gemeinde wächst beständig, aber der Druck und die Verfolgung durch die Juden ebenso. Der spätere Apostel Paulus ist einer der eifrigsten Christenverfolger, bis ihm Jesus vor Damaskus begegnet. Dann wird er zum leidenschaftlichen Bezeuger und Bekenner des Evangeliums von Jesus Christus.

Auch Paulus schweigt nicht – im Gegenteil. Von Jerusalem aus ziehen die Zeugen des Evangeliums in die Welt. Der Apostel Petrus und andere nehmen ihre Sendung zum jüdischen Volk wahr, Paulus und seine Mitarbeiter ziehen in die Welt außerhalb Israels, zu den „Heiden“. Sie alle schweigen nicht, lassen sich auch nicht mundtot machen. Und trotzdem reden einige Jahre später die Steine der zerstörten Stadt und des geschändeten Tempels zu Jerusalem eine überdeutliche Sprache, so wie Jesus es voraussah.

„Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die Gott zu dir schickt. Wie oft wollte ich deine Bewohner um mich scharen, wie eine Henne ihre Küken unter die Flügel nimmt. Aber ihr habt nicht gewollt“ (Matth 22:6, GNB). Das war die Botschaft von Jesus, als noch die Möglichkeit zur Umkehr bestand.

Und das ist auch heute noch die Botschaft von Jesus Christus an die Menschen, die ahnen, dass ihre Pläne, Absichten und vielleicht ihre Existenz in Gefahr stehen, zu einem Trümmerhaufen zu werden. Jesus lädt uns ein, mit allen Nöten und Ängsten, existentiellen Fragen und offenen Problemen bei ihm Schutz zu suchen. Das Bild von der Henne, unter deren Flügeln wir Zuflucht finden können, ist äußerst ausdrucksstark. Es gibt jedem von uns Hoffnung. Da ist einer, der unser Leben unter seine „Fittiche“ nehmen möchte, um uns vor „Trümmererfahrungen“ zu bewahren. Aber selbst wenn es schon Trümmer gibt, gilt sein Angebot. Denn er kann auch Zerbruch und Unordnung heilen und zurechtbringen.

Im Hören auf die Stimme des Guten Hirten Jesus Christus erwächst uns Zuversicht und Hoffnung für die wechselhaften Zeiten, in denen wir leben. Ich glaube fest daran, dass diese Zusage für jeden von uns erfahrbar ist: „Du bist mein Helfer, und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich“ (Psalm 63:7).

Diese Erfahrung schenkt uns das persönliche Gebet und das Eintauchen in Gottes Wort täglich und immer wieder.

 

Es grüßt herzlich

Pastor i.R. Herbert Poganatz