Deutsche Evangeliumsgemeinde Roquetas de Mar  (H. Poganatz)                                      

 

 

                                              Jakobus 3, 1-12

 

                            Die Macht der Zunge...                                                                                    

Der Kernvers dieses Textes:

„... So ist auch die Zunge ein kleines Glied und richtet große Dinge an...  (Jak. 3, 5 a)

 

In den letzten Wochen sind wir Zeugen eines bisher unbekannten Phänomens geworden: Der Präsident einer Weltmacht benutzt kurze Nachrichten über einen Internetdienst, um seine Meinung und Stellungnahmen unverblümt und oft unüberlegt oder auch gezielt zum Besten zu geben. Es sind kurze Texte, die verblüffende Auswirkungen auf die Welt haben. Autobosse gehen davor in die Knie, Richter sollen verunsichert werden, Politiker applaudieren oder reagieren entsetzt, Freund und Feind des neuen mächtigen Mannes nehmen es mit Kopfschütteln oder Zorn zur Kenntnis. Was soll daraus noch werden, fragt man sich.

Ich wurde in diesem Zusammenhang stark an den Vers 5 unseres Bibeltextes erinnert, den ich als Kerntext dieses Abschnitts des Jakobusbriefes ansehe: „So ist auch die Zunge ein kleines Glied und richtet große Dinge an“ paraphrasierend könnte man sagen: „So ist auch eine kurze Twitter Nachricht ein kleiner Text, der große Dinge anrichtet“. Ein weiteres, neueres Phänomen sind die sog. „fake news“ – gezielte Streuung von falschen Nachrichten, die anderen Schaden zufügen sollen und für Unsicherheit und Verwirrung sorgen. Wir leben in einer Zeit, in der die Macht der Zunge und der Feder in nie dagewesener Weise zutage treten.

       Der Apostel Jakobus als Praktiker geht in diesem Text auf die Macht der Zunge und der Feder ein. Das gesprochene Wort und mehr noch das geschriebene Wort ist von großer Macht. Beispiele aus dem Alltag machen deutlich, daß kleine Ursachen große Wirkungen haben können (V. 3-6).

Die Zunge oder die Feder können als Angriffswaffe gebraucht werden oder zur Verteidigung, sie können Wunden schlagen und Schmerzen verursachen, können aber auch wie Balsam auf Wunden wirken. Die Weisheitsliteratur des Alten Testaments ist voller Beispiele für die Wirkungen der Zunge zum Segen oder zum Fluch.

Und was Jakobus in seinem Brief an die Menschen damals zum Ausdruck brachte, hat nichts an Aktualität verloren. Gottes Wort ist immer modern und zeitgemäß, denn es durchschaut uns Menschen, egal ob wir modern, postmodern oder sogar postfaktisch sind. Es trifft immer ins Schwarze.

Im alttestamentlichen Buch der Sprüche heißt es (10:31-32): Aus dem Munde des Gerechten sprießt Weisheit; aber die falsche Zunge wird ausgerottet.

32 Die Lippen der Gerechten wissen, was wohlgefällt; aber der Mund des Frevlers weiß Dinge zu verdrehen.

Auf dieser Grundlage hat Jakobus für uns alle einige wichtige Einsichten parat, die uns helfen können.

 

1. Sich nicht in das Lehramt drängen (V. 1-2)

 

Der griech. Text redet in V. 1 davon, daß nicht die „vielen“ in der Gemeinde Lehrer meinen werden zu müssen („Tretet nicht so zahlreich als Lehrer auf!“). Der Text gewährt Einblick in eine anscheinend schwierige Gemeindesituation. Offenbar fühlten sich viele berufen, das Amt des Lehrers zu bekleiden, vielleicht das eines vom Evangelium geprägten Gesetzeslehrers. Damals wie heute müssen christliche Ethik und Verhalten gelehrt und eingeübt werden, und etliche bemühten sich um diese Aufgabe, vielleicht weil sie mit sehr viel Ansehen verbunden war...  Jakobus macht aber darauf aufmerksam, daß solch ein Amt mit einer großen Verantwortung verbunden ist und man sich deshalb nicht danach drängen sollte. Warum? Weil der Maßstab, der an solche Lehrer gelegt wird, sehr streng ist. Sie stehen unter Beobachtung, ob Wort und Tat übereinstimmen.

Ähnliches können wir auch von Politikern erwarten, die im öffentlichen Leben an ihren Worten und Taten gemessen werden, ob sie glaubwürdig oder unglaubwürdig sind. An ihren Worten und Taten kann man ablesen, ob sie Lügen oder Tatsachen verbreiten...

In keine Sünde verfällt der Mensch so leicht wie in die Sünde der Zunge, und keine hat so ernste Folgen wie sie. Deshalb sollten sich alle, die nach dem Amt eines Lehrers der Gemeinde trachten, sich der besonderen Gefahren der Zunge bewußt sein, deshalb sollten Menschen, die ein öffentliches Amt bekleiden, die Weisheiten der Heiligen Schrift kennen, um ihrem Volk in rechter Weise dienen zu können.

Jesus Christus: „Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem guten Schatz; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz. Ich sage euch aber, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie reden. Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.“

Und ein Autor zur Zeit des Alten Testaments, dessen Schrift zu den Apokryphen gezählt wird, sagt diese Worte, die durchaus bedenkenswert sind: „Reden bringt Ehre oder Schande, und seine Zunge bringt den Menschen zu Fall. Mache niemand heimlich schlecht, und rede nicht hinterhältig! Denn über den Doppelzüngigen kommt Verachtung wie Schande über den Dieb.“

 

2. Klein, aber von größter Bedeutung (V. 3-5a)         

Die Zunge ist nur ein winziger Körperteil, aber gemeinsam mit Lippen und Kehlkopf verantwortlich für die Sprache. Wer seine Zunge beherrschen kann, kann den Kurs seines Lebens bestimmen – das ist die Botschaft von Jakobus.

Wer das Maul eines Pferdes unter Kontrolle hat, kann das ganze Tier lenken. Wer das Ruder eines Schiffes beherrscht, kann seinen Kurs bestimmen – alles sehr praktische Vergleiche, die die Aussagen über die Macht der Zunge unterstreichen.

Letztlich geht es hier um die Folgen unseres Redens für uns und unsere Mitmenschen. Der rechte oder unrechte Gebrauch der Zunge kann über Wohl und Wehe des anderen und uns selber entscheiden... An die Stelle der Zunge tritt oft auch die Feder – das geschriebene Wort...

Daß die Zunge eine große Macht hat, haben bereits die alten Philosophen erkannt. Deshalb lehrte z.B. Sokrates seine Schüler das sog. dreifache Sieb zu beachten:

·      Das Sieb der Wahrheit. Bevor man etwas weitererzählt oder überhaupt redet, muß es durch das Sieb der Wahrheit gehen.

·   Das Sieb der Güte. Ist das, was man sagt oder weitererzählt, gut und kommt es aus einer gütigen Gesinnung?

·  Das Sieb der Notwendigkeit. Ist es nötig, etwas Bestimmtes zu sagen oder weiter zu erzählen?

 

Das beste Beispiel für den rechten Gebrauch der Zunge ist Jesus Christus selbst. Sein Wort war wie Balsam auf die Wunden derer, die bei ihm Heil und Orientation suchten. Wenn er einem suchenden Menschen die Vergebung und das Heil zusprach, war das Ergebnis Freude und Friede.

Jesus hat aber auch Klartext geredet und nicht hinter dem Berg gehalten, wenn es darum ging, Menschen zu warnen und vor Unheil und Verlorenheit zu schützen.

 

3. Die zerstörerische Kraft der Zunge (V. 5 b-8)

 

Um die unabsehbaren Folgen des verantwortungslosen Einsatzes der Zunge zu beschreiben, verwendet Jakobus ein eindrückliches Bild:

 

·      Ein kleines Streichholz, das einen Waldbrand verursacht (vgl. Spr 16,27)

Die Zunge kann großen Schaden anrichten. Die Rabbiner benutzten folgendes Bild: „Leben und Tod befinden sich in der Hand der Zunge. Hat die Zunge eine Hand? Nein, doch wie die Hand, so tötet auch die Zunge. Die Hand vermag nur in der Nähe zu töten; die Zunge aber wird ein Pfeil genannt (Psalm 120,3.4), weil sie auch aus der Entfernung töten kann. Pfeile sind tödlich auf eine Entfernung von 40 bis 50 Schritten, die Zunge aber reicht über die ganze Erde bis zum Himmel hinauf“.

Ein Schlag mit der Hand läßt sich abwehren, aber eine verleumderische Geschichte über jemand, der sich weit entfernt findet, macht die Runde und kann großen Schaden und Leid anrichten. Die unbegrenzte Reichweite ist die größte Gefahr, die von ihr ausgeht. Außerdem ist sie unkontrollierbar wie das Feuer, das im Gestrüpp ausbricht.

Drei Dinge kehren nicht zurück: „Abgeschossene Pfeile, das gesprochene Wort und verpaßte Gelegenheiten...“ Das ist Weisheit vom Feinsten.

 

4. Die Zwiespältigkeit der menschlichen Natur (V. 9-12)

 

In Gottes Schöpfung hat alles seine gute Ordnung: eine Quelle ist entweder süß oder salzig, ein Baum bringt artgemäße Früchte, ein Weinstock ebenso. Aber die menschliche Zunge? Sie kann

·      Gott und die Menschen loben und ihnen fluchen. Sie ist

·      unzähmbar durch den Menschen

·      ein unruhiges Übel

·      voll tödlichen Giftes.

 

Wie können wir die Zwiespältigkeit unseres Herzens und unserer Zunge besser in den Griff bekommen?

Indem wir ganz ernst nehmen, was Jesus Christus uns gelehrt hat:

Matth. 15: „Was aber zum Munde herausgeht, das kommt aus dem Herzen, und das verunreinigt den Menschen. Denn aus dem Herzen kommen arge Gedanken: Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsch Zeugnis, Lästerung. Das sind Stücke, die den Menschen verunreinigen“.

 

Wir brauchen ein neues Herz. Ein Herz, das auf Gottes Stimme hört, das vom Heiligen Geist erneuert ist. Der erste Schritt dazu ist, von neuem geboren zu werden, uns zu Gott zu bekehren und unser Leben Jesus zu übergeben. Dann geht es darum, in permanenter Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus zu stehen und sich von seinem Wort und Geist leiten zu lassen.

Wir brauchen ein waches Gewissen, das uns ermahnt, das uns zeigt, wo unsere Zunge ein Werkzeug des Bösen war oder ist.

Wir brauchen eine lebendige Beziehung zu Gott. Jesus kann sie uns schenken, wir dürfen zu ihm im Gebet kommen und um Erneuerung unseres Herzens und Gewissens bitten.

Wir können einander konkrete Hilfestellungen geben, indem wir uns um Vergebung bitten und einander vergeben, wo wir einander mit der Zunge Schaden zugefügt haben.

In unserem Miteinander können wir auf unsere Worte und Taten achten und unter der Leitung des Heiligen Geistes leben und handeln. Lasst uns Gott den Herrn bitten, dass unsere Zunge ein Werkzeug des Guten ist, des Trostes und der gegenseitigen Erbauung.

Das alles kann nur gelingen, wenn wir täglich die Gemeinschaft mit Gott im Gebet und seinem Wort suchen. Sein Wort muss täglich in unserem Herzen Gestalt annehmen, nur so kann es trotz unserer Schwachheit gelingen.

Dazu helfe uns der gnädige und barmherzige Gott durch Jesus Christus.

Amen.