Monatsspruch Juni 2021

 

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apostelgeschichte 5:29)

 

Unserem Monatsspruch geht ein religiöses Gerichtsverfahren voraus, das an Aktualität kaum zu überbieten ist. Die Glaubensautoritäten in Jerusalem verbieten den Aposteln, im Namen des auferstandenen Herrn Jesus Christus zu predigen und zu lehren. Diese lassen sich jedoch nicht den Mund verbieten und antworten mutig und ohne Scheu vor den möglichen Konsequenzen, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Theologen des Volkes Israel.

Der Text ist hochaktuell, weil er die Frage aufwirft, was man heute in der Kirche und in der Gesellschaft noch frei und offen sagen darf. Dabei geht es nicht um persönliche Meinungen, sondern um Aussagen, die dem Wort Gottes entnommen sind und keineswegs aus dem Zusammenhang gerissen oder eigenwillig interpretiert werden.

Was geschieht, wenn mutige und bekennende Christen eindeutige biblische Aussagen ernst nehmen und sie im persönlichen Umfeld oder auch öffentlich vertreten? Sie müssen mit Ablehnung, Spott und schlimmstenfalls Anzeigen rechnen – und das in einem Land, das die Meinungs- und Religionsfreiheit gesetzlich garantiert. Ganz zu schweigen von den Ländern, in denen allein die Tatsache, sich als Christ zum Evangelium zu bekennen genügt, um unter Druck oder sogar Todesangst zu geraten. Wer die Medien, auch die säkularen, aufmerksam beobachtet, wird immer wieder auf Berichte stoßen, die das bestätigen.

Der sog. Mainstream in unserer Gesellschaft ist mehr und mehr geprägt von Ansichten, die in etlichen Fällen den Geboten Gottes und ihren Aussagen widersprechen. Wer da mutig gegen den Strom schwimmt, hat nichts zu lachen.

Die jüngere deutsche Geschichte ist voll von Beispielen mutiger Menschen, die z.B. die Gefahr des mörderischen Nationalsozialismus erkannten und sich dagegenstellten. Vor kurzem wurden wir an die Geschwister Scholl erinnert, deren Mut beispielhaft war. Dabei spielt die Frage, ob ihr Handeln aus Gehorsam gegenüber Gott oder eher humanistischen Beweggründen entsprang, keine Rolle.

Dass D. Bonhoeffer oder die Verfasser der Barmer Erklärung von 1934 eindeutig den Gehorsam gegenüber Gott vor Augen hatten, lässt sich jedoch nicht bestreiten.

Aber zurück zu unserer gegenwärtigen Realität. Es gibt viele bemerkenswerte Beispiele von „Zivilcourage“. In einigen Fällen ist die Verbindung zu unserem Monatsspruch erkennbar, in anderen nicht. Oft ist es auch nicht möglich, die genaue Motivation der Mutigen zu definieren.

Für einen Nachfolger Jesu sieht es da ein wenig anders aus. Die Apostel waren überzeugt von dem, was sie gesehen und gehört hatten, so dass ihre Antwort auf das Redeverbot eindeutig war: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Ihnen ging es hauptsächlich um das Bekenntnis zu Jesus, dem Auferstandenen. Wenig zuvor hatten Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat in Jerusalem bekannt: „Wir können es ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4:20).

Ja, wenn das so einfach wäre! Uns fällt es oft leichter, zu lassen als zu reden

Was hat den ersten christlichen Zeugen des Evangeliums die Kraft und den Mut verliehen, so aufzutreten? Die Antwort liegt in dem Ergriffensein von der Wirklichkeit ihres Herrn Jesus Christus, die seit Pfingsten durch den Heiligen Geist die Gemeinde erfasst hat und ihr hilft, das Wort Gottes in der damaligen Welt zu verbreiten, trotz der sich entfesselnden Verfolgung in Jerusalem und den umliegenden Ländern.

Voller Sehnsucht nach diesem Mut der ersten Christen klingt das Lied, in dem es heißt: „Wach auf, du Geist der ersten Zeugen…“ (Bogatzky 1750/Knapp 1837). Es lohnt sich, dieses alte Missionslied im Gesangbuch zu suchen und erneut zu verinnerlichen. Den Mut zum Zeugendienst gibt der Herr durch seinen Heiligen Geist, um den wir ihn bitten dürfen.

Jedoch sind es oft die kleinen, aber entscheidenden Dinge im Alltag, an denen wir den Gehorsam gegenüber Gott praktizieren können. Wem gehört meine Zeit? Welchen Stellenwert hat die Lektüre der Bibel in meinem Leben? Wieviel Raum gebe ich dem Gespräch mit Gott im Gebet in meinem Alltag? Und wie sieht es ganz praktisch aus, wenn es um die Gebote Gottes geht? Paulus und die anderen Apostel haben in ihren Briefen an die neuen Gemeinden der christlichen Ethik viel Aufmerksamkeit gewidmet. Die junge Christenheit sollte wissen, was der Wille Gottes in der Nachfolge Jesu konkret und praktisch bedeutet, wie man ihn ausführt und lebt. Gott mehr gehorchen als den Menschen bedeutete oft eine Abkehr von der alten Lebensweise und Denkmustern, die aus der heidnischen Philosophie und Ethik stammten. Dabei scheuten die Apostel weder Zeit noch Mühe und redeten „Klartext“, um den Christen die Maßstäbe des Handelns nach Gottes Willen zu bezeugen.

In den letzten Wochen lasen wir in der täglichen Bibellese Teile aus dem Buch der Sprüche. Welch ein Schatz von Weisheit und Erkenntnis ist dort zu entdecken! Das gesamte Buch steht unter dem Motto: „Gottesfurcht ist der Anfang aller Erkenntnis“ (Sprüche 1:7). Ich liebe auch die Worte, die Martin Luther im Kleinen Katechismus den Erklärungen der 10 Gebote voranstellt: „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“ Dann gibt er konkrete Anweisungen, was es heißt, den Geboten d.h. Gott gehorsam zu sein. Es ist lohnend, das alles noch einmal auf sich wirken zu lassen. Daraus ergeben sich viele neue oder auch alte Perspektiven, die unmittelbar mit unserem Monatsspruch zu tun haben: Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Es grüßt herzlich

Pastor i.R. Herbert Poganatz